Biomechanische Stimulation

Autor: Bettina Willhöft

Was ist BMS?

Biomechanische Muskelstimulation, wird häufig als neue Art des Krafttrainings angepriesen. BMS bietet darüber hinaus weitaus mehr Möglichkeiten der Therapie als den reinen Muskelaufbau. In der Tierphysiotherapie verwendet man aus praktischen Gründen ausschließlich ein Handgerät, das BMS-Hippo, welches gezielt bzw. punktuell auf dem Körper angewendet werden kann.

Die Biomechanische Stimulation beruht auf einer ausschließlich mechanischen Wirkung auf den Körper, ohne das dieser mit Strom oder Chemie in Berührung kommt. Entscheidend für die Wirksamkeit ist hier die Vibration in einer bestimmten Frequenz und Amplitude, was die Biomechanische Stimulation deutlich von der herkömmlichen Vibrationsmassage durch entsprechende

Geräte oder auch der Elektrotherapie unterscheidet. Die BMS erinnert eher an dynamische und statische Körperübungen unter Einsatz von speziellen Geräten. Sie übertrifft diese jedoch bei weitem, was Zeitaufwand und das Ergebnis betrifft. Mit Schwingungen in jeweils einer bestimmten Frequenz (Schwingungen je Sekunde) und einer bestimmten Amplitude (Höhe und Weite der Schwingung), die vom Therapeuten für das zu behandelnde Krankheitsbild ausgewählt werden, können unmittelbar nach einer Behandlung spürbare und messbare Erfolge verzeichnet werden. Die zugeführten Schwingungen, die den natürlichen des Körpers ähneln, wirken auf angespannte oder gedehnte Muskulatur längs zur Muskelfaser ein. Sie sorgen für eine hohe Anzahl von Muskelkontraktionen (Zusammenziehen des Muskels), eine vermehrte Durchblutung, erhöhen den Stoffwechsel, beeinflussen die Mechanorezeptoren , welche Informationen über Positions-, Bewegungs- und Belastungsgefühl an das zentrale Nervensystem weiterleiten. BMS bewirkt eine Verbesserung des Zusammenwirkens von peripherem und zentralem Nervensystem (zwischen Körperregion und Gehirn bzw. Rückenmark).

Bei der BMS handelt es sich überwiegend um Geräte, die mit Motoren einen gleichmäßigen, immer wiederkehrenden Hub in einem bestimmten Frequenzbereich erzeugen. Die Maschine stellt dazu im Idealfall eine harmonische Schwingung (immer wiederkehrende Störung verbunden mit einer gleichbleibenden Rückstellung des Systems) zur Verfügung. So bedeutet 1 Hz einen vollständigen Bewegungsablauf innerhalb 1 Sekunde. Die Amplitude beschreibt die maximale positive oder negative Auslenkung in eine der beiden Richtungen.

Um die Wirkungsweise der Biomechanische Muskelstimulation nachvollziehen zu können, werden im Folgenden anatomische und physiologische Grundlagen erläutert, da man sich hierzu mit der Funktionsweise von Muskeln und Nerven auseinander setzen muss.

Muskelphysiologie

Die Hauptfunktion jeder Muskelart ist die Erzeugung mechanischer, entweder statischer oder dynamischer Arbeit, in Form der Kontraktion (Zusammenziehung).
Die Muskulatur ist der Motor des Skelettes, zuständig für alle koordiniert ablaufenden Bewegungen. Er ist außerdem treibende Kraft für die Änderung von Gelenkwinkeln bei Streckung, Beugung, Rotation (Drehbewegung) und Torsion(Drehung eines Körpers um seine Längsachse).
Muskeln, Sehnen und die Muskelumhüllung verfügen über Rezeptoren, bzw. Sensoren. Sie stellen Endungen der sensorischen Nerven dar. Jede Muskellängenveränderung führt zur Reizung der Rezeptoren, die ihrerseits Nervenimpulse über die afferenten (aufsteigenden) Nervenbahnen in das Zentralnervensystem weiterleiten. Im ZNS werden diese Informationen verarbeitet und koordiniert. Über efferente (absteigende) Nervenbahnen werden dann vom ZNS Erregungen an das Erfolgsorgan (Muskel) gesendet.

BMS wirkt über den sogenannten monosynaptischen Reflex, dies ist ein Reflex, der nur über 1 Synapse verläuft, der Eigenreflex der Skelettmuskulatur. Jede Muskellängsveränderung führt zur Reizung der Rezeptoren, die ihrerseits Nervenimpulse über die Nervenbahnen in das Zentralnervensystem (ZNS) weiterleiten. BMS reizt diese Rezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Muskelumhüllungen im neuromuskulären System. Bereits 10-11µm Längenänderung der Muskelspindel genügen, um einen monosynaptischen Reflex auszulösen. Die korrekt applizierte BMS bewirkt durch ihre Schwingung an der zu behandelnden Körperregion eine ausreichende Längenveränderung des betreffenden Muskels. Dies führt zu monosynaptischen Reflexen in schneller Folge nämlich im Bereich von 10-40 Hz.

Therapie

Im Vergleich zu aktiv ausgeführten Bewegungsübungen erfolgt mit BMS die 30-fache Reizung der Mechanorezeptoren, durch den ständigen Wechsel zwischen Dehnung und Anspannung der Muskulatur pro Zeiteinheit. Diese signalisiert dem Zentralen Nervensystem die Häufigkeit der Muskelkontraktionen, woraus zentrale Vorgänge z.B. Muskelkräftigung ausgelöst werden.

Bei spastischen oder schlaffen Paresen (Lähmungen) sind diese Funktionen gestört. BMS kann bei fehlenden motorischen Signalen durch Anregung der Skelettmuskulatur stimulieren. Durch die BMS angeregten Sensoren werden Aktionspotentiale erzeugt und über Neuronen weitergeleitet. BMS kann auf diese Weise das Gehirn wieder aktivieren. BMS wirkt Stoffwechsel fördernd auf die entsprechenden Zellen im Gehirn durch Reize über die Motoneurone, Schmerzrezeptoren, Wärmerezeptoren und freien Nervenendigungen.

BMS-Hippo bei Beugekontraktur

Am lebenden Körper vibrieren die Muskelfasern ständig mit unterschiedlicher Frequenz (Muskeltonus).
Die Zentralfrequenz bei entspannter Muskulatur beträgt laut zahlreicher Forschungen zwischen 7 und 13 Hz, der Maximalwert bei angespannter Muskulatur bis zu 30 Hz.
Man kann also sagen, dass die Muskeln eines Körpers vorrangig dann entwickelt werden, wenn sie während ihrer Tätigkeit am meisten vibrieren. Dieses Verfahren findet auch Anwendung bei Muskeln, die zur Zeit der Behandlung des Patienten nicht bewegt werden können (z.B. bei einer Anregung von gelähmten Muskeln).
Eine Erläuterung des Prinzips erfolgt anhand der Behandlung einer Beugekontraktur (Dauerverkürzung mit Gelenkzwangsstellung) des M. flexor digitorium profundus und M. flexor digitorium superficialis (siehe Abbildung - zur besseren Übersicht wurde die Arbeitsrichtung per Pfeil eingezeichnet). Die Arbeitsweise erfolgt von distal (Körper fern) nach proximal (zum Körper hin) mit Druck im Muskelfaserverlauf und ohne Druck zurück von proximal nach distal und zwar vom Ansatz zum Ursprung des Muskels und der Sehnen und zurück in langsamen, gleichmäßigen Bewegungen, während die freie Hand einen Dehnungswiderstand auf die Flexoren(Beuger) an den Phalangen (Gliedmaßenspitze, Pfotenbereich) ausübt. Hierbei ist dann im Verlauf der Behandlung eine deutliche Verringerung des Muskelwiderstandes und eine vermehrte Beweglichkeit der Gliedmaße spürbar.

Hebt sich die Vibratode (Behandlungskopf des Gerätes, von dem die Schwingungen ausgehen), so erhöht sich die Dehnung/Anspannung. Der Muskel drückt in dieser Phase das Blut aus den Kapillaren weiter. Danach senkt sich die Vibratode wieder, der Muskel entspannt sich, die Kapillaren erweitern sich und Blut strömt nach. Das Heben und Senken der Vibratode erfolgt im Sinusrhythmus mit einer Frequenz zwischen 15 -35 Hz.
Bei der BMS kann die Muskelaktion länger ausgeführt werden als bei maximaler oder submaximaler, willkürlicher Aktivierung. Die Muskellängenveränderung deformiert den Muskel und ändert die Weite der Blutgefäße, wodurch sich die Blutpumpfunktion der Muskulatur erhöht. Wie bereits erwähnt, werden Mechanorezeptoren beeinflusst und damit das zentrale Nervensystem.

Vorteile

Somit erreichen wir durch die BMS:

  • Steigerung der Maximalkraft und Schnellkraft
  • Erhöhung der Beweglichkeit
  • Verbesserung der Gelenkstabilität
  • Vermehrte Hormonausschüttung
  • Steigerung der Knochendichte
  • Schmerzlinderung
  • Balance und Sturzprävention
  • Verbesserung der Durchblutung bis hin zur Hyperämisierung
  • Verbesserung der Zusammenarbeit von zentralem und peripherem Nervensystem
  • Entscheidende Verbesserung der Bewegungskoordination
  • Lösen von Vernarbungen, Verklebungen oder Verhärtungen in Muskulatur und Gewebe

Indikationen

  • Bindegewebsschwäche
  • Degenerative rheumatische Erkrankungen
  • Konditionsschwäche
  • Muskelverspannung,-Muskelschwäche
  • Schmerzen im Muskel- und Bewegungsapparat
  • Aufbau Muskulatur bei Muskelatrophie (Gewebeschwund)
  • Degenerative Prozesse an Bandscheiben (Arthrosen)
  • Frakturen (Knochenbrüche)
  • Gelenkerkrankungen
  • Gelenkinstabilität
  • Kontrakturen (krankhafte Verkürzung muskulär, kapsulär, Vernarbungen)
  • Muskuläre Dysbalance (Ungleichgewicht)
  • Myelose (degenerative Rückenmarkserkrankung)
  • Myogelosen (druckschmerzhafte Muskelverhärtung)
  • Muskelhartspann (reflektorischer Dauerkrampf eines quergestreiften Muskels
  • Schulter-, Rücken-, Hüft-, Knie-, und Sprunggelenksbeschwerden
  • Vorbereitung (schnelles Aufwärmen, durchbluten) für die Chiropraktik (einrichten bzw. adjustieren)
  • Durchblutungsstörungen
  • Stauungssyndrom, Ödemresorption
  • Neuropathien (Nervenleiden)
  • Stoffwechselkräftigung
  • Harninkontinenz (unwillkürlicher Harnabgang)
  • Muskeldystrophie (Sammelbegriff für nicht neurogene Muskelschwunderkrankungen)
  • Schlaganfall (Paresen und Prävention)
  • Schmerztherapie
  • Spasmus (Verkrampfung, Krampf)
  • Kiefergelenksbeschwerden
  • Durchblutungsverbesserung des Sehnervs
  • Stärkung der Augenringmuskulatur
  • Trockene Augen
  • Verbesserung der Sehfähigkeit
  • Facialisparese (Lähmung des Facialisnerves, bzw. der von ihm versorgten Gesichtsmuskulatur)
  • Chronische Rhinitis (chronische Nasenschleimhautentzündung)
  • Stirn- und Kieferhöhlensymptomatik

Kontraindikationen

  • Akute Infektionen
  • Aneurysmen (krankhafte Wandausbuchtung eines arteriellen Blutgefäßes oder der Herzwand)
  • Bösartige Erkrankungen, wie Tumore, Metastasen
  • Diabetische Polyneuropathie – Vorsicht bei Diabetikern, Blutzuckerkontrolle!
  • Frakturen mit inkompletter Durchbauung
  • Frischer Apoplex (Schlaganfall, 4-6 Monate)
  • Gallensteine/Nierensteine
  • Gravidität (Schwangerschaft)
  • Kurzzeitig zurückliegende Operationen an Muskeln, Sehnen und Bändern
  • Metallische Implantate (z. B. künstliches Gelenk)
  • Pseudoarthrosen
  • Rheuma im akuten Schub
  • Spezifische und unspezifische Entzündungen im Behandlungsbereich